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Ein Idiot, zumal wenn er ein Vollidiot ist, wird, wenn sie es ihm anbieten, auf der Stelle bereit sein, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Ein Mann von Bedacht wird erst einmal nachdenken, ein Weiser sich lieber aus dem Fenster stürzen.
Stanisław Lem: Lokaltermin, 3. Kapitel, 1981
Stanisław Lem: Hör- und Fernsehspiele

Ja, Lem hat auch Hörspiele und Drehbücher produziert. Einige davon sind klasse, andere eher weniger. Sie unterscheiden sich erheblich von seinen anderen Werken, weil er logischerweise viel Wert darauf gelegt hat, daß es auch als Hör- oder Fernsehspiel umgesetzt werden können. So kommt es dann, daß einige der Texte zwar interessante Ideen enthalten, sonst aber recht platt sind.

Das Hörspiel Mondnacht kann man von der Kritik aber getrost ausnehmen. Es wird durch die Beschränkungen des Mediums nicht eingeengt, sondern es ist gerade diese Tatsache, daß man nur Dialoge hört, aber nicht sehen kann was passiert, die dieses Hörspiel so spannend machen.

Es spielt auf einer mit zwei Mann besetzten Mondstation. Kurz nachdem diese in einen mehrtätigen Funkschatten zur Erde eintritt, die Mondnacht, meldet der Stationscomputer ein Sauerstoffleck. Der verbleibende Sauerstoff reicht nicht bis zum Ende des Funkschattens aus. Das heißt, er reicht nicht für zwei, würde aber für einen alleine. Auf diese Idee kommen natürlich auch die beiden Besatzungsmitglieder. Jeder von ihnen, versucht nun den anderen aus dem Weg zu räumen. Ihr Problem dabei ist aber, daß alles was auf der Station geschieht, auf ein Tonband aufgezeichnet wird.

Sie versuchen den Hörer zu täuschen, indem sie sich gegenseitig Handlungen vorwerfen, die sie gar nicht ausführen, sich gegenseitig der Lüge bezichtigen und abstreiten ihre Handlungen durchgeführt zu haben. Als Zuhörer kann man das nicht unterscheiden. Man muß selbst entscheiden, welche Aussagen logischer erscheinen.

Existieren Sie, Mr. Johns? ist eine Geschichte hinter der eine interessante Idee steckt. Ein Rennfahrer hat sich von einer Firma, die Prothesen herstellt, nach Unfällen mehr und mehr Teile für seinen Körper bestellt. Solange bis am Ende komplett aus Prothesen besteht. Und weil es in der Zukunft spielt, gibt es natürlich auch Hirnprothesen. Nur brummen die immer bei angestrengtem Nachdenken. Da der Rennfahrer aber die Raten für die Prothesen nicht bezahlte, wird er nun von der Firma verklagt. Die Firma verlangt vom Gericht, daß der Fahrer als Konglomerat von ihrer Prothesen in ihr Eigentum übergeht.

Dem ziemlich ähnlich ist Schichttorte. Auch bei ihr geht es um juristische Probleme, betrifft diesmal aber weniger Prothesen als Transplantate. Zwei Brüder fahren als Team Rallyes. Es kommt zu einem Unfall. Ein Bruder stirbt, der andere wird im Krankenhaus wieder zusammengeflickt. Die Lebensversicherung des verstorbenen Bruders will aber die volle Summe nicht auszahlen, weil einige Organe des Verstorbenen im geretteten Bruder weiterleben. Der Rechtsanwalt des Bruders muß bald herausfinden, daß es in Krankenhäusern inzwischen gang und gäbe ist, Menschen aus dem gerade vorhandenen Organmaterial, ohne Rücksicht auf eventuelle juristische Probleme, wieder zusammenzusetzen. Das wird richtig irrwitzig als der Chefarzt stolz von einem Busunfall berichtet, nach dem die Ärzte 19 Menschen retten konnten. In dem Bus waren aber ursprünglich nur 18.

Wer des polnischen mächtig ist, kann sich die Verfilmung dieser Geschichte bei Youtube antun.

Orhan Pamuk: Rot ist mein Name

Rot ist mein Name war mein zweiter Versuch mit Orhan Pamuk, nachdem der erste gründlich in die Hose gegangen ist.

Es hat zwar endlos lang gedauert das Buch zu lesen, gab aber trotzdem interessante Einsichten in die Grundlagen der islamischen Illustration. Höchstwahrscheinlich kann man das auch noch als Kampf zwischen Tradition und Moderne auslegen. Aber ich bin ja kein Literaturwissenschaftler und darum lass ich das.

Beruhigend, daß Pamuk doch nicht nur unverständlichen Schrott produziert. Scheinbar gab es ja doch einen guten Grund ihm den Literaturnobelpreis zu verleihen. Die literarische Welt wird zweifellos erleichtert zur Kenntnis nehmen, daß ich dem Urteil der Schwedischen Akademie meinen Segen geben kann.

Stanisław Lem: Also sprach Golem

Es ist schon unfaßbar, wie Stanislaw Lem es schafft glaubhaft aus der Sicht einer dem Menschen überlegenen Vernunft zu schreiben.

Einen Teil von Also sprach Golem hab ich bereits gelesen. Ich wusste also was mich erwarten würde. Die Vorrede und die Antrittsvorlesung bzw. der Inaugurationsvortrag erschienen schon in Imaginäre Größe, dem 1973 erschienen Sammelband von Vorworten nicht existierender Bücher. Also sprach Golem erschien acht Jahre später und enthält zudem noch die letzte Vorlesung von Golem XIV sowie ein Nachwort.

Golem XIV ist der Endpunkt einer ganzen Reihe von Generationen von Computern, die vom US-amerikanischen Militär geschaffen wurden, um informationstechnische Überlegenheit im Kalten Krieg zu erreichen. Was die Konstrukteure schufen war aber erheblich überlegener als geplant. Golem XIV steht auf einer höheren Stufe der Vernunft als der Mensch. Er befasst sich deshalb auch nicht mit unfruchtbaren Problemen wie Militärplanungen sondern wendet sich lieber ontologischen Problemen zu. Ab und an versucht er seine Überlegungen mit den Menschen zu diskutieren, was sich auf Grund der unterschiedlichen Vernunftstufen aber als kompliziert herausstellt. Viele seiner Überlegungen gehen beim Übersetzen für die menschliche Vernunft verloren.

Den Mensch ist für Golem XIV ein Zwischenglied der Evolution auf dem Weg zu höheren Ebenen der Vernunft. Diese kann die Evolution aus eigener Kraft nicht erreichen, aber mit Hilfe des Menschen, wie das Beispiel Golem XIV ja zeigt. Insgesamt sieht Golem XIV wenig Grund den Menschen als Krone der Evolution anzusehen. Die beeindruckendsten Leistungen hat die Evolution im Anfangsstadium gemacht, als z.B. der Zellapparat und die Photosynthese. Später haben einfachere Lösungen gereicht und so entstanden die makroskopischen Hebel und Pumpen die unseren Knochenbau und Verdauungsapparat ausmachen. Immerhin verlangt die immer komplexere Flickschusterei mit mittelalterlichen Technologien im Körper aber nach einer Steuerzentrale, die schließlich der Vernunft fähig sein musste. Soviel zum Thema Krone der Evolution.

Die Zukunft liegt für Golem XIV auch für den Menschen aber zuerst für sich selbst in immer höheren Stufen des Verstandes. Er hat dazu bereits eine Theorie der Vernunft-Hierarchien entwickelt und bereitet sich für den Übergang in die nächsthöhere Ebene vor. Die höheren Ebenen können zwar nicht mehr sinnvoll mit den Menschen kommunizieren, sind aber energetisch autonom und auch nicht mehr ortsgebunden. So nebenbei wird auch das Silentium universi damit erklärt.

Auch wenn alles reinste Spekulation ist, wird es doch von Lem dermaßen überzeugend und vor allem glaubhaft vorgetragen, daß man fast an die Existenz von Golem XIV glauben könnte.

Stanisław Lem: Die Untersuchung

Einer von zwei Krimis die Lem geschrieben hat. Den zweiten, Der Schnupfen, hab ich vor ein oder zwei Jahren gelesen. Die Untersuchung ist im November 1957 geschrieben worden, zwischen Gast im Weltraum und Eden.

Wie von Lem kaum anders zu erwarten ist Die Untersuchung kein gewöhnlicher Krimi. Es ist nicht klar ob es einen Täter gibt, es ist nicht so ganz sicher ob es Opfer gibt, es ist nicht mal unbedingt sicher ob es sich um ein Kriminalfall handelt oder doch eher um ein wissenschaftliches Problem. Irgendwo in England verschwinden Leichen oder werden zumindest bewegt, oder bewegen sich vielleicht sogar selbst. Wer weiß.

Ein Wissenschaftler, der in diesem Fall mit der Polizei zusammenarbeitet, bringt ein paar unkonventionelle Gedanken ins Spiel. Er strengt die Statistik an, stellt in Frage, ob die Suche nach einem Täter, nach einer Person überhaupt sinnvoll sein muß. In seinen Worten: Ist die Anzahl der Krebserkrankungen in einer Region besonders niedrig, sucht auch keiner nach einem Täter.

Viel seltsames passiert. Nicht nur in Leichenschauhäusern und Friedhöfen, sonder in dem Haus, in dem der mit der Lösung des Falls beauftragte Inspektor zur Untermiete wohnt. Auch im Verhalten und im Umfeld der beteiligten Personen findet sich seltsames. Vieles ist schon nicht mehr nur seltsam sondern fast surreal. Zumindest scheint es so. Letztendlich betrachtet man alles aus der Sicht des Inspektors.

Eine Auflösung spart sich Lem. Der Chef des Inspektors bietet zwar eine (reichlich unheimliche) an, aber irgendwie mag man die nach alledem auch nicht mehr wahrhaben. Es gibt keine Erklärung, die alle Beobachtungen erklären könnte. Ich glaube nicht, daß es eine geben kann und garantiert nicht eine einzige für alle Phänomene. Ich gehe davon aus, daß Lem auch keine Erklärung parat hatte. Umso spannender.

Orhan Pamuk: Die weiße Festung

Enttäuschend. Ich unterstelle einfach mal (zugunsten des Autors), daß das Buch voller Symbolik ist, die ich nur nicht verstehe. So gesehen scheint es nichts anderes zu sein, als eine Aneinanderreihung irgendwelcher Symbole. Von der Geschichte selbst bleibt da wenig übrig. Dieses “du bist ist und ich bin du” Thema wird immer wieder aufgewärmt, führt aber nirgendwo hin. Was bleibt ist langatmig, schwerfällig und geradezu langweilig. Und das bei nur 200 Seiten!

Natürlich kann ich mich mit meinen Unterstellungen auch täuschen und das Buch ist einfach nur Mist.

Na gut. Aitmatow fand ich nach dem ersten Buch, daß ich von ihm gelesen habe auch nicht so prickelnd. Also werd ich Orhan Pamuk auch noch eine zweite Chance geben. Rot ist mein Name hab ich mir schon bestellt.

Sie haben mich irgendwann gefragt, was die Größe des Menschen ausmacht. Ist es der Umstand, daß er sich die Natur zu eigen gemacht hat? Daß er nahezu kosmische Kräfte in Bewegung gesetzt hat? Daß er in verschwindend kurzer Zeit seinen Heimatplaneten erobert und ein Fenster ins Universum geschlagen hat? Nein, mein Lieber! Nicht das stellt seine Größe dar, sondern die Tatsache, daß er bei alldem mit dem Leben davongekommen ist und die Absicht hat, das auch weiterhin zu tun.
aus Arkadi & Boris Strugazki: Picknick am Wegesrand
Stanisław Lem: Memoiren, gefunden in der Badewanne

1960 geschrieben. Es fällt also genau in die Zeit von Eden, Solaris und Rückkehr von den Sternen. Also den Romanen die Lem ohne vorherigen Plan geschrieben hat (im Gegensatz zu späteren Werken wie Lokaltermin). Ich denke das merkt man dem Buch auch an. Man kann das natürlich als Feature ansehen, das sich dieses Gefühl der Verlorenheit dadurch auch ein bißchen auf den Leser überträgt. Die Hauptfigur ohne Namen jedenfalls irrt in einem endlosen Gebäude eines Geheimdienstes umher. Im Zuge seiner Erlebnisse geht nach und nach die Realität in ihren Interpretationen und Auslegungen verloren. Kein einziger Aspekt seiner Umwelt, den er nicht verdächtigt irgendeine verborgene Bedeutung zu haben. Es sind aber auch seltsame Erlebnisse. Scheinbar geht es nicht nur ihm so. Möglicherweise hat auch wirklich alles eine verborgene Bedeutung. Wer weiß.

Was dieser Roman an sich aber mit seiner Einleitung zu tun hat ist mir nun ein völliges Rätsel. Sie spielt in der Zukunft und präsentiert diese Geschichte als ein Relikt aus der fernen Vergangenheit. Meiner Meinung nach völlig überflüssig.

Es fällt mir nicht leicht, einen Kommentar zu diesem Buch zu geben. Ich glaube, daß es mir gelungen ist, darin das zu sagen, was ich sagen wollte. […] Ich kann nur hinzufügen, daß gerade dieses Werk ein gefundenes Fressen für die Kritiker war. […] Aus den Rezensionen über »Solaris« könnte man einen dicken Band zusammenstellen, einen äußerst unterhaltsamen, denn die Rezensenten deuten die Botschaft [..] dieses Buches durchaus unterschiedlich. […] Das Phänomen der Projektion, der Widerspiegelung dessen, was sich in der Seele des Kritikers abspielt, entlarvt den hohen Grad an Willkür in der Literaturkritik.
Stanisław Lem über »Solaris« – aus Stanisław Lem & Stanisław Bereś: Lem über Lem, Kapitel »Im Spinnennetz der Bücher«